Edge of Hollywood

Am gestrigen Abend sah ich mir den Film „Edge of Tomorrow“ an. Ich war wirklich begeistert – bis zu den letzten fünfzehn Minuten. Aber dazu gleich mehr. David Hain besprach bereits einige Vorzüge, wie die Parallele zum Videogame und die süßlich-subtile Liebesgeschichte. Daher will ich nur darstellen, was die Film wirklich gut und interessant gemacht hat.
Technisch ist der Film wirklich zu loben: Tom Cruise spielt seinen Charakter, wie immer, gewohnt gut mit einer Prise Selbstironie und stellt die Verwunderung über seine Situation gleichsam souverän dar, ohne in die Länge zu ziehen. Emily Blunt macht ebenfalls eine wunderbare Figur, und zusammen sorgen sie für ein erstaunliches Wechselspiel verbunden mit der militärische Strenge, die zum Schluss, nach dem Spielcharakter der bis zum zweiten Drittel der Story, zum wahrhaftigen Ernst wird. Während die Mitte des Filmes mit gelungen, witzigen und kurzweiligen Kampfszenen und taktischen Besprechungen zwischen den Protagonisten auffährt, spielt die Sciene Fiction Welt keine größere Rolle als die Ausweglosigkeit des Hauptcharakters rational erklärbar zu machen. Zudem ist sogar der 3D-Effekt gut angenehm, und wirkt nicht wie eine Verschwendung des Eintrittsgeldes, wenn auch der spektakuläre Effekt, welcher bei ansehnlichen Film wie Avatar oder Life of Pi zum Tragen kommt, fehlt. Die Monster, der Grund der Invasion usw. spielen bewusst keine Rolle. Blunt aka Rita Vrataski, die eine dreckig-schöne Amazone oder „Kriegsgöttin“ spielt, wird zudem noch „Engel von Verdun“, weshalb ich immer an die Jungfrau von Orleans denken musste, bezeichnet und schnetzelt sich elegant durch die anonymen Massen. Der Film aber handelt nur Konflikt ab, den Private William Cage (so wird Tom Cruise wieder und wieder spöttisch genannt und behandelt) mit sich selbst hat, um die Invasion und seine Langeweile zu überwinden. Das ist auch gut so. (Das Wortspiel, das „Private Cage“ in seiner eigenen Welt gefangen ist, sorgt zwar nicht für einen großen Aha-Moment, da es zu offensichtlich ist, ist aber in den ständigen Anspielungen auf Schicksal und Eigenverantwortlichkeit ein weiterer subtiler Baustein, der den Film auch für ein weiteres Schauen interessant macht.) Cruise‘ Figur wird immer stärker und raffinierter im Kampf, eben wie in einem Videogame, bis es dann zum Showdown kommt, an dem er seine Fähigkeit, den Tag neu zu erleben, einbüßen muss. Das sorgt dann für den nötigen Schub Ernst, mit dem dann die Protagonisten als wahrhaftige Soldaten, das Schicksal der Menschheit retten. Die Dichotomie von Ernst und Spiel wird an dieser Stelle aufgehoben.
Blunt sagt, nach dem endlich erwarteten Kuss, dass niemand der beiden das Abenteuer überleben wird. Das verstand ich, wie viele andere Sprüche, die sich bewahrheitet haben, als Versprechen an die Soldatenehre und den Zuschauer. Daher ist die Spannung umso höher. Cage schafft es dann mit letzter Kraft den Endgegner auszuschalten und dann geschieht, was mir den ganzen hochkarätigen Film zu zerstören musste: er wird doch wiederbelebt. Alles ist auf Null gesetzt – Cage, Vrataski und alle, die heldenhaft ihr Leben aufs Spiel gesetzt haben, leben nun wieder. Es endet damit, dass Cage über sein Schicksal im Angesicht der ihn vergessenen Vrataski, lacht.
Also das war’s. Das Ende hat mich gestört. Ich bin kein Feind eines Happy Endes, aber warum so? Die Erklärung war zu einfach, generisch und unsinnig, eben wie in einem Disney-Märchen. Cage wurde von einer Flüssigkeit des Feindes „wiederbelebt“. Der Feind, den Sekunden er zuvor getötet hatte. Obwohl der Film den Feind bzw. sie Fähigkeit Cage’s in der Zeit zurückzureisen, sobald er abtritt, im Vorbeigang rational erklärt, wird das Blut oder die Galle des toten Wesens oder was weiß ich plötzlich zum Wundermittel, welches Cage an den Anfang des Filmes zurückversetzt. Dieser Kniff macht das ganze Geschehen unbefriedigend, gerade weil es die sachten Bedürfnisse des Hollywood-Kinos nicht unbefriedigt zurücklassen will. Es ist einfach langweilig, wenn Cage aus dem Nichts zurückkommt, zumal es die Moral, dass jeder für sein Schicksal und Handeln zuständig sei, umkehrt. Natürlich soll die Selbstaufopferung und das daraus resultierende Ende die diesseitige Belohnung darstellen, die dem Jenseits vorausgenommen wird, aber das schafft der Film gerade dadurch nicht. Das Glück, im Sinne eines unbestimmbaren Schicksals, sorgt für die positive Auflösung des Plots.
Andere große Filme (Inception, Looper, Fight Club usw.) zeigen auch man eine Hollywood-Formel bedienen kann, ohne in Kitsch und langweilig eintönige Ende zu verfallen.

Der Film ist dennoch eine Empfehlung, wenn auch gleichzeitig zu Empfehlen ist einfach fünfzehn Minuten vor Ende das Hirn auszuschalten.

Kein Frieden mit der Demo

Berlin, 28.4.2014 Eigentlich sollte es ein schöner Tag werden für Jens Blanck, der sich auf eine Demo begeben hatte, die im Zuge seiner Gedanken handelt. Sein Freund und Kamerad Ingo Krasch lud ihn aus dem heimischen Halle/S. ein an der sog. „Friedensdemo 2.0“ teilzunehmen. Antisemitismus getarnt als kritische „Israelkritik“, Verschwörungen als „Fragen“, Besetzung des Deutschen Reiches als „normaler Patriotismus“. Natürlich musste Blanck schon lachen, als das alles unter dem Label „Frieden“ erklärt worden ist, aber an Begriffen, so Krasch augenzwinkernd, hielten sich eh nur „Juden“ auf.
Aber dann musste Jens feststellen, dass sich nicht nur Leute aus seiner heimischen NPD, oder wenigstens deren Umkreis, auf der Demo befanden, sondern auch Figuren aus dem unvermuteten, linken Spektrum. Unbeirrt vermutete Blanck weiterhin einen Scherz oder gar die Umbesinnung jener, die er früher mit Holzlatten krankenhausreif schlug, auf den „wahren Pfand“. „Ingo, nahm mich schon oft zu seltsamen Treffen mit. Eigentlich geht es mir um die Inhalte, und die finde ich hier top“, so der 26-jährige Schulabbrecher, „aber diese Typen, die hier rumlaufen sind echt zu verachten.“

Ein Einzelfall? Bei weitem nicht! Immer mehr vermeintlich linke oder demokratische Personen werden beim Klauen rechter Positionen erwischt, ohne ihre Quelle anzugeben. Populäre Beispiele sind Thilo Sarrarin oder Günter Grass, die sich zwar von rechten Gedanken distanzieren, aber dennoch wieder und wieder in dieser Gedankenwelt ihr Unwesen treiben. Zuletzt Akif Pirinçci. „Warum“, grübelt Blanck bei seinem Morgenbier, als der Zug Wittenberg passierte, „sagt der sowas? Der ist doch selbst Kanake! Man einfach aufpassen, was man heutzutage sagt.“
Es schockiert auch einen anonymen NPD Vorsitzenden, dass Linke, wie der ehemalige Vorsitzende Lafontaine von „Fremdarbeitern“ sprechen könne, die „uns“ die Arbeitsplätze klauen, aber er dennoch von den Medien und seinen Genossen als guter Linker wahrgenommen würde. „Eine Schweinerei!“, muss sich der 173 Meter große wie auch Kilo schwere Glatzkopf fast die Tränen zurückhalten, „Es ist eine Schweinerei! Wir versuchen unser Erbe zu erhalten, aber dann kommen diese Typen und spielen sich als Vertreter öffentlicher Meinungen auf, und ernten auch noch die Lorbeeren!“ Früher, schluchzte er, hätte es ein solches Verhalten nicht gegeben.

Jens Blanck fuhr am Abend traurig zurück in seine Heimat. „Ich will nicht mit diesen Leuten zusammenarbeiten“, fast Blanck seinen Tag zusammen, „aber sonst gibt es doch keine Möglichkeit, unsere Gedanken unter das Volk zu bringen.“ Sein Kamerad Ingo ist in Berlin geblieben, ihm sagt die Demo mehr zu; er ist pragmatischer. Aber können ehrliche aufrechte Faschisten noch ein Zuhause finden, wenn bald links und rechts in den Köpfen dieser „Menschen“ nicht mehr existiert?

Theater heute!

Mir fällt vermehrt auf, dass es kaum gute Dramatiker gibt. Das dürfte niemanden überraschen, ist die moderne Theaterszene nur noch Sammelsurium mittelmäßiger Idioten, die hinter jeden Subjektivität die relativ große Wahrheit sehen und den Kunstverstand auf einige „Auserwählte“ aufteilen, statt sie mit dem genussvollen Volke zu teilen. Genuss am Schönen ist so alt wie richtig und so fällt es auch auf, dass das Gros der namhaft bekannten Dramatikergrößen im Original nur mit einem Graecum gelesen werden muss.
Schade eigentlich, man sollte sich diesen Verfall nur immer wieder ins Gedächtnis rufen. Zum Glück! Das kann nämlich nur einen noch größeren, qualitativen Sprung in eine neue Klassik bedeuten! Ich freue mich schon drauf und leide, unter diesen Umständen, gerne, ohne in eine sinnlose Depression via Adorno zu verfallen.

Schande der Moderne

Es hat der Frühling einmal wieder begonnen und schon kann man den Großstädten wieder „Alternative“ beobachten, die auf den Straßen mit simplen Akkorden und einfachsten Pattern auf Gitarre und irgendetwas trommelbaren ihr „kunst-alternatives, freies“ Hippietum verbreiten müssen, ohne dabei zu wissen, wie sehr sie doch kleinbürgerlich reaktionär die Kunst zu einer barbarischen Untugend verwandeln.
Insofern sie nicht, wie in einer der schönsten aller South Park-Doppelfolgen (S12E10/11), die Welt vor Riesenmeerschweinchen aus Peru beschützen, sind diese Gruppen pseudokünstlerischer Abnormalität schwachsinnig, gar vernunftfeindlich. Vernunft ist nur dann im Stande, sich zu bilden und zu erhalten, wenn sie im Maße gehalten wird. Bezieht man das auf die Kunst, was man hierbei machen muss, so ist es notwendig, dass Kunst in ihrem Rahmen als Werk vorhanden sein muss. Diese Werkbildung ist nur dann möglich, wenn sie notwendig einen Raum hat, sei es ein Konzertsaal, ein Bilderrahmen oder mehrere gebundene Seiten. Hinreichend wird ein allgemeines Kunstverständnis benötigt, was die meisten Menschen tatsächlich nahezu intuitiv besitzen, dieses aber von moderner Kunst als „außerhalb jeden Rahmens“ zerbrochen wird, da ein klassisches, d.h. ein sich bewährtes Kunstbild verdrängt wird.
Jeglicher Rahmen wird im Laufe der Geschichte gesprengt, was, stellt man sich unter ähnliches Umständen ein Glas Wasser vor, ein nach und nach folgendes Leeren von Inhalt mit sich trägt. Dabei ist doch Kunst schon längst nicht mehr der Einzelfall, dessen Entwicklung eine solche Bahn angenommen hat: schaut man sich die Politik an, so verlangt die Bevölkerung von Politikern nur „menschliche“ Werte, „menschliches“ Auftreten, keine politische Fachkompetenz. Es muss der Allgemeinheit zugänglich sein, Wahlen entscheiden sich nicht am Inhalt einer Partei, sondern am Auftreten ihrer Führer. (Hätte Ulbricht den Charme eines durchgestylten Guttenbergs gehabt, würde sich heute niemand über ihn lustig machen. Gut, Ulbricht ist da eine Ausnahme geworden, da er in Konsequenz seiner Politik jener Lächerlichkeit aus dem Weg schritt und als Machtfigur auftrat. Aber nehmen wir als Bsp. Che Guevara, dessen politische Vorstellungen außerhalb revolutionären Kampfes furchtbar unsinnig gewesen waren, dessen Attitüde aber immer noch maßlos, bis in Kreise mittelständischer Linksliberaler verehrt wird – man sollte sich die Zeit nehmen, jeden davon zu befragen, was denn Che’s Politik an Inhalt war und müsste sicherlich kaum eine gehaltvolle Antwort erwarten.)

Als ich diese Gruppe junger Studenten heute sah, die mit drei Gitarren und einer Pongo auf der Straße saßen und irgendwelchen Müll vor sich hindudelten, kam mir fast das Kotzen. Um nicht der Kunstbanauserei schuldig zu werden, toleriert man ein solches kultisches Verstellen von fortschrittlicher Spielart.
Im Falle dreier Gitarren kann man ein wunderbares Konzert, à la Di Meola, De Lucía und McLaughlin, veranstalten, wenn sich der Rezipient auch auf das Geschehene als solches konzentrieren will. Bei Straßenmusik ist nur ein beiläufiges Hören einzelner Lieder oder Melodien möglich, außer man stellt sich in die Öffentlichkeit zu dieser Gruppe Aufmerksamkeit erheischender und meist untalentierter „Musiker“, um kurz an dem, da aus dem tristen Alltag überraschenden, kleinen Spektakel teilzunehmen. Natürlich ist in einer Einkaufsstraße kein geeigneter Platz gegeben, wo zwar viele Leute vorbeigehen, möglicherweise infolge des Beiwohnens jener Veranstaltung etwas Geld zu spenden, aber sich durch die Lautstärke der Umgebung sowie nicht vorhandener akustischen Geschlossenheit eine dynamische Musik gar nicht entfalten kann.
Das Schlimmste aber, was man der Musik damit antut, ist sie zu versimplizieren. Niemand würde abstreiten, dass Beethoven seine Symphonien nie in einer „Jam-Session“, Davids Bilder nie durch ein Wandgraffiti oder Goethes Prometheus nie in einem „Poety-Slam“ entwickelt worden wären. Dennoch will uns die moderne Kunst, nein, der moderne Künstler, glauben machen, man könnte zu der klassischen Zeit des Kunstschaffens nicht hinaus, deshalb streitet man dahinter zurück. Kultisch-barbarisch wird alles in die Öffentlichkeit getragen, man bereitet nicht mehr den Inhalt einer Kunst künstlerisch gewerkelt auf, sondern nur noch die Machart. Wenn ich nur 1 Minute im Internet verbringe, kann ich irgendein x-beliebiges Bild oder Video sehen, wo „This is Art!“ unter irgendeinem Foto oder irgendeiner Aufnahme eines merkwürdigen Dinges stände. „This is Practicing of Art, but not Art itself.“ So müsste der Wahlspruch moderner „Kunst“ sein. Es ist nichts Falsches daran, sich mit Poety-Slams oder Sessions zu üben – Kunstwerke entstehen aber aus dem Geiste, aus reflektierter Vernunft. Diese benötigt einen Raum, in dem sie vorgeführt werden kann. Wenn ich das am vorläufigen Beispiel zeige: gerade eine Gitarre ist so leise, dass sie nur in geschlossenen Räumen eine wirkliche Dynamik entwickeln kann. Man ist zu mehr in der Lage, als fortissimo dahinzuschrammeln. Man kann diffizile Melodien von piano bis forte spielen, ohne auf Umgebung achten zu müssen und damit auch mehr Technik anwenden.

Es ist daher gefährlich, weil sie zerstückelt. Das ist das Wesen einer modernen Philosophie, einer Philosophie, die kein System mehr kennt, sondern nur noch ein Konglomerat mehrerer, meist widersprüchlicher Theorien ist. So ist es möglich, dass man sich für transgegenderte Sprache und für Arbeitnehmerschutz, für Antinationalität und Palästina, für Tibet und Frieden stark macht, ohne das eine mit dem anderen zu hinterfragen. Dasselbe vollzieht sich in der Kunst. Kunst, das will ich dabei gleich erklären, bevor man mir wieder Vernarrtheit und Weltfremdheit in der Rolle, die ich der Kunst zuordne, vorwirft, ist nicht fähig, die Realität und die Verhältnisse zu ändern, aber wohl sie darzustellen. Das vermag auch die Wissenschaft, aber im Gegensatz zu Wissenschaft darf die Kunst unter den Grenzen der Wissenschaftlichkeit die Grenzen der Popularität erforschen. Wo die Kunst in der Beschreibung der Realität schwammig, aber nicht ungenau sein darf, muss die Wissenschaft stets beides sein. Ein Autor kann sich erlauben, eine Evolution zum Zwecke einer Darstellung von menschlichen Handeln zu ändern oder nicht korrekt darzustellen, solange er eine authentische und geschichtliche Bahn für seinen Plot wählt. Ein Wissenschaftler darf das nicht – die Evolution wird zwar zufällig verlaufen, aber nicht so, dass sie für eine Fabel geeignet sein muss. Oder: Die Kunst kann sich Science Fiction und Fantasy erlauben, wo die Wissenschaft unkreativ das natürlich Vorhandene annehmen muss. Das hängt mit der Popularität zusammen, die die Kunst für sich beanspruchen muss. Kunst stellt auf unterhaltsame Weise dar.
Nun hat die moderne Kunst aber das Problem, dass sie weder die Realität darstellt noch unterhaltend ist, und wenn, dann höchstens unterhaltend. Der Inhalt ist also entleert, die Form ist zerstückelt, weil man sie nicht zuordnen kann. Das Problem hat moderne Kunst schon seit ihrem Anfang, weshalb sie auch nicht als Kunst einzuordnen sein müsste. Dem Druck der Masse folgend ist sie das dann aber doch. Man stellt das Besondere durch etwas Besonderes dar und verallgemeinert damit das Besondere zur Bedeutungslosigkeit. Das drückt sich mit der Zeit immer stärker aus. Von expressionistischen Gedichten bis zum Regietheater ist der Weg der Irrationalität exponentiell gestiegen, schlimmer als Lukács es jemals hätte aufzeigen können. Besonders „natürliche“ Sprache, langweilige Gedanken stumpfsinniger Subjekte und bedeutungsloser Plot sind nur einige Beispiele, könnten aber jeden „SpOn“-Besteller und jeden deutschen Spielfilm bestens beschreiben. Ja, in der Tat ist es interessant, dass besonders die deutsche Kunst davon betroffen zu sein scheint – sie versucht aus der intellektuellen Barbarei des Faschismus mit wertprogressiver und zugleich strukturkonservativer Mähne entgegenzubrüllen. (Das viele irrationale Trends auch nicht aus Deutschland kommen, sei auch gesagt, aber der Umgang in Deutschland und vor allem deutschen, nicht unbedingt deutsch-sprachen Feuilletons ist zweifelsohne am verbissensten.) Gute Kunst ist dabei doch mindestens wertkonservativ, weil sie eben menschliche Probleme seit jeher betrachtet und mit der Aufhebung aller Probleme verschwinden muss.
Moderne Kunst will nur durch ihr Auftreten Kunst sein, weil die Künstler zu unterentwickelt sind, um Kunst selbst zu schaffen. Das mag an der pseudoproletischen, kleinbürgerlich-intellektualistischen Opposition zu elitären, groß-bourgeoisen „Kunstkennern“ entstanden sein, verirrt sich aber wie immer auf Extremen statt, wie bei Brecht, das Mittelmaß zu finden. Man muss nicht arrogant große Kunst als für den normalen Bürger außen vor zu lassendes reden, genau wie man auch nicht avantgardistisch alles hinterfragen muss, das diese vorigen Elite-denkenden für sich beanspruchen wollen. Die Strategie, den Feind des Feindes als Freund zu betrachten, scheitert immer, wenn man nicht in der Überlegenheit ist – und moderne Künstler als individualistische Subjekte sind niemals, jemals mehrheitlich.

Was nicht gesagt wurde

Warum wird noch geschwiegen?
Wächst jetzt drüber Gras. ’s nicht
Gedacht zum Streit großer Geister,
im Alter zu sinnieren über dies und das,
Verdikt Antisemitismus als Aufmerksamkeit,
Dem Weltfrieden wegen als falscher Fall.

Wo hungert droht und Reiswein schwelgt,
Maulhelden fehlen und Militär wird zum Staat.
Wenn Nuklearwaffen fallen ungelenkt,
Fällt dem Geiste ein Gedicht so schwer, dessen
Meinung ihm so sehr wichtig ist, dass er es kundtun muss.

Man muss sagen, was gesagt werden
Muss. Aus eigner Kraft entspringen der Zensur.
Er muss sich die Tinte schreiben aus seinem Kopf,
Wo sie seit Jahren die Arterien verstopft.

Aus den selbsterlegten Ketten, die ein beschränkter Geist
Offen verblechert zu Trommel rühren,
Bricht die ohnehin brüchige Kette der Schweigepflicht, die keine ist

Und offenbart des Mannes wahren Geist,
Der in seiner Jugend noch vereist
Wurde vom Volkes Verstand,
Als Juden waren noch Feind
Und Korea unter Hirohito stand.

Wozu braucht man des Goethes Weltgeist,
Brechts schräge Melodie und Heines zierliche Ironie?
Hat Deutschland, was es nur verdient:
Grass und seine „Poesie“.